Ciao, Türkiye
Zunächst mal: Wenn Du keinen Tee magst, oder keine lächelnden, winkenden, warmherzigen Menschen am Wegesrand, die mit Dir Kontakt aufnehmen und Dich allerorten einladen wollen, dann bist Du in diesem Land nicht gut aufgehoben. Falls aber doch: Nur zu. Die Türkei ist ein Reise- und Warmherzigkeitsparadies.
Mehr als zwei Monate war ich hier. Der Abschied wird schwer. Nach einer so langen Zeit in einem Land hast Du Dich eingelebt, bist in den Alltagsroutinen orientiert, kannst Kommunikationssituationen halbwegs deuten, hast die Phänomene des alltäglichen Miteinanders sortiert in verständlich und unverständlich, und kennst die positiven Seiten sowie die Schmerzpunkte Deines Lebens auf Zeit in dieser fremden Kultur.
Denn fremd blieb mir diese andere Kultur, so lange ich auch hier war. Bin ich doch schließlich nicht in den Schuhen der Menschen hier aufgewachsen. Insbesondere die Geschlechterrollen und die verschiedenen Bedeutungen des Kopftuches erschließen sich mir nicht. Vieles scheint mir extrem konservativ zu sein, im Vergleich zu unserer deutschen Gesellschaft. Andererseits gibt es natürlich auch sehr progressive Lebensentwürfe. Sehr beeindruckend finde ich vor allem den respektvollen und selbstverständlichen Umgang, welchen Menschen von den entgegengesetzten Enden der Lebensentwurfsskala miteinander pflegen. Natürlich schaue ich nicht ins Innerste der zwischenmenschlichen Beziehungen hinein, aber dass viel Toleranz gelebt wird, entgeht einem nicht.
Jetzt, da ich Abschied nehmen muss von dieser facettenreichen Gesellschaft, wo eine Landesgrenze auf mich wartet und ein noch sehr fremdes Land auf der anderen Seite, jetzt tut es fast ein bisschen weh.
Besonders vermissen werde ich die Einladungen und die gemeinsamen Mahlzeiten mit den Menschen. Dass man nicht von einem individuell gefüllten Teller isst, sondern von gemeinsamen Gerichten in der Mitte des Tisches, das verbindet sehr. Oft sitzt man beim gemeinsamen Essen auf dem Boden. Dazu steht ein kleiner runder Tisch von etwa 15 cm Höhe in der Mitte, von einer Tischdecke bedeckt. Man setzt sich drumherum. Keinesfalls darf man dabei die Füße auf die seitlich über den Tisch hinausreichende Tischdecke legen – die Füße gehören unbedingt unter die Decke! (Ich habe das anfangs ein paar Mal falsch gemacht. Niemand hat mich ermahnt …)
Auch mit anderen Besonderheiten bin ich inzwischen so vertraut, dass ich sie nicht mehr missen möchte. Zum Beispiel das türkische Frühstück: ein Potpourri aus süß und herzhaft, aus warm und kalt, und offenbar isst man ständig alles durcheinander. Immer wenn ich gerade noch mit Käse und Menemen (eine Eierspeise mit Tomaten) beschäftigt war, schob man mir zeitgleich Marmelade zu und beinahe in den Mund. Und während der Honig noch nicht ganz im Mund ist, beißt man schon von der Peperoni ab. – Ich habe mein Bestes gegeben, diesen wilden Mix zu gustieren.
Speziell ist auch der Umgang mit Getränken beim Essen(gehen). Es wird in der Regel wenig getrunken, und damit meine ich nicht Alkohol. Bei manchen Einladungen bin ich fast verdurstet, und das im Restaurant bestellte Wasser wird erst so spät gebracht, dass man mindestens die erste Hälfte des Essens hinter sich hat. Deswegen hatte ich mir irgendwann angewöhnt, immer und unbedingt meine eigene Wasserflasche dabeizuhaben. Zum Ausgleich dafür, dass die Getränke so spät gebracht werden, werden sie dann aber blitzschnell wieder abgeräumt. Ganz gleich ob Tee, Wasser oder Saft: Man muss zusehen, dass einem nicht das letzte Drittel in Glas oder Flasche vor der Nase weggeschnappt wird. Ein Glas Tee ganz auszutrinken gelingt nur in Teegärten, wo die Bedienung sowieso mit dem Bringen nicht hinterherkommt. Oder durch permanentes Festhalten des Glases mit der Hand – ich war am Ende Profi darin.
Apropos Trinken: Alkohol zu kaufen ist schwierig, so dass man sich in manchen Gegenden am besten gleich darauf einstellt zu verzichten. Wird er doch nur in speziellen Geschäften verkauft, die die Konzession zum Alkoholverkauf haben, „Tekel“ heißen diese. In manchen Städten gibt es nur äußerst wenige dieser Tekelläden. Gemeinsam ist ihnen aber unabhängig von der Häufigkeit: Nach 22 Uhr wird kein Alkohol mehr verkauft. Nein, auch dann nicht, wenn man in der benachbarten Kneipe beliebig viel und lange trinken darf.
In Privatwohnungen, aber auch in Hotel-Unterkünften ist es tabu, die Räume mit Straßenschuhen zu betreten. Daher stehen an jeder Eingangstür und in jedem Hotelzimmer Pantoffeln im Eingangsbereich, auch gern in der Einmal-Wegwerf-Version. Da insbesondere letztere aus Papier bestehen, muss für Bad und Dusche eine andere Lösung her: Dort findet man ein für alle Menschen gemeinsam gedachtes Paar Latschen in wasserfester Version. Ein jeder und eine jede, die diesen Raum betritt und zum Beispiel duscht, benutzt genau dieselben Pantoffeln. Ich gebe zu, dass mir das bis zum Schluss gewöhnungsbedürftig war, und ich habe bei dieser Regel immer ein wenig geschummelt.
Apropos Duschen: Quasi nie gibt es die bei uns üblichen Duschkabinen. Die Dusche hängt einfach an der Wand und spritzt bei ungeschickter Handhabung gern den kompletten Raum nass. Besonders wenn sie dicht neben der Toilette angebracht ist, hat man im Anschluss die Chance, interessante Erfahrungen mit nasser Klobrille und durchfeuchtetem Toilettenpapier zu machen. Zuweilen gibt es aber gar keine Klobrille, sondern die hier so übliche Steh- bzw. Hocktoilette. Bei dieser ist natürlich eine Duschüberschwemmung weniger schlimm, eher praktisch. Und oft tritt diese Art von Toilette zusammen mit einer speziellen Art der Dusche auf: Da ist einfach ein Wasserhahn in der Wand und darunter steht ein Messbecher (solch einer, den wir in unseren Küchen benutzen). Diesen füllt man und übergießt sich dann mit Wasser, so oft man es eben braucht. Der Messbecher wird gleichzeitig auch als Klospülung genutzt. Ja, sehr praktisch und sehr simpel. Und daran, dass diese Wasserhähne oft nur kaltes Wasser herauslassen, ist im Sommer eigentlich nichts auszusetzen. Und wenn es einem doch zu kalt ist – was meine Gastgeberinnen bei mir irgendwie immer dachten – dann wird schnell ein Eimer Wasser auf dem Herd warmgemacht.
Was das Übernachten auf Reisen angeht: Großartig für uns Radwandernde und Zeltende ist die Tatsache, dass man in oder neben jeder beliebigen Moschee übernachten kann. Dort ist man immer willkommen, es gibt geöffnete Toiletten und frisches Wasser. Häufig lädt einen der Imam sogar ein, in den Innenräumen der Moschee zu schlafen. Oder aber man schafft es gar nicht bis in den Moscheegarten, weil man von einem der vorbeigehenden Menschen nach Hause eingeladen wird. Widerspruch ist in diesem Falle in der Regel zwecklos. So habe ich viele wunderbare Abende und Nächte in Familien (und nur sehr wenige in Moscheen) verbracht.
Falls man doch ein Hotel oder eine Pension braucht oder möchte, kann man diese nicht so einfach bei Booking buchen. Die Webseite ist nämlich in der Türkei gesperrt und kann nur mit VPN aufgerufen werden (was ich dieses Jahr im Unterschied zum letzten Jahr natürlich installiert habe). Online-Buchung ist allerdings eh nicht sinnvoll, auch nicht auf einer der türkischen Plattformen, da man direkt am Hotel in der Regel einen deutlich günstigeren Preis bekommt. Ohnehin sind Übernachtungspreise ja nicht teuer.
Manchmal sind die Zimmer dafür nicht besonders gut oder gar nicht geheizt (was wiederum doch für eine Buchung per Plattform spricht, dann haben die Hotelwirte wenigstens einen zeitlichen Vorlauf, um ein Zimmer aufzuwärmen.) Ich war mehrere Male sehr dankbar für den Winterschlafsack in meinem Gepäck und habe die Hotelstunden tatsächlich in diesem verbracht.
Eine etwas kleinere Unbequemlichkeit sämtlicher Hotelzimmer ist, dass es in der Regel keine Haken für Jacken gibt. Das klingt nicht wichtig, aber die Tatsache, dass ich auch nach zwei Monaten noch in jeder Unterkunft ganz irritiert diese Haken gesucht habe, spricht dafür, dass wir das doch offenbar sehr gewohnt sind. Es wäre in der Tat praktisch gewesen, weil ich ja immer einen ganzen Stapel von innen und außen feucht gewordener Klamotten zum Aufhängen hatte.
Und noch etwas Belangloses: Die bei uns übliche Standard-Wasserhahndrehrichtung für warm und kalt ist hier außer Kraft gesetzt. Zudem stehen die aufgedruckten Symbole blau-rot in keinerlei Zusammenhang zur tatsächlichen Wassertemperatur, alles ist purer Zufall und man muss an jedem Wasserhahn aufs Neue mit Trial and Error vorgehen. Schon witzig, was für Dinge einem auffallen, wenn man aus einem komplett durchorganisierten Land kommt. Und ob ich je wieder einen Wasserhahn in Deutschland auf Anhieb in die richtige Richtung drehen werde?
Der Straßenverkehr ist für Radfahrende gut erträglich, jedenfalls dort, wo ich unterwegs war. Es gibt viele gut ausgebaute und wenig befahrene Straßen. Außerdem ist das Land von einem Netz an Schnellstraßen durchzogen, die von der Bauart her eher unseren Autobahnen gleichen. Auf der rechten Seite gibt es eine komplette breite, gut asphaltierte Fahrspur. Das macht das Fahren auf den Schnellstraßen sehr bequem und ungefährlich.
In Städten allerdings ist dieser Luxus nicht vorhanden, Radwege gibt es nur in wenigen Orten, und man wird gern mal eng und schnittig überholt. Vor allem aber wird man nicht als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmerin betrachtet, man wird nicht ernstgenommen und muss sich seine Vorfahrt immer hart erkämpfen. Wobei „hart“ bedeutet, dass man besser mal defensiv fährt, nur in sehr sicheren Situationen Autofahrende durch energische Handzeichen in ihre Schranken verweist und das Einhalten dieser Schranken dann engmaschig im Rückspiegel kontrolliert.
Nun habe ich sicherlich viele Eigenheiten des Landes und seiner Kultur vergessen aufzuzählen. Zumal ich ja noch lange nicht alles erlebt habe. Auf jeden Fall aber weiß ich: Ich werde die Menschen mit ihrer Wärme vermissen. So sehr ich es oft anstrengend fand, dass im öffentlichen Raum vor allem Männer sichtbar waren und die Frauen, wenn sie überhaupt auftauchten, in spürbar anderen Lebensrollen als ich verortet waren – dennoch: Männer wie Frauen haben mich gut umsorgt und in ihren Kreisen willkommen geheißen.
Wie oft wurde ich eingeladen, bewirtet und mit fürsorglichen Fragen auf meiner Reise begleitet. Wie sehr waren die Menschen gut zu mir, in einem ganz tiefen Sinne.
Das werde ich niemals wieder vergessen, Türkiye. Ich werde immer gern wiederkommen.
(Und die schöne Sprache lerne ich weiter, damit wir uns über liebevolle Gesten und Blicke hinaus immer besser auch mit Worten verständigen können.)
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