Georgien,  Tagesberichte

Georgien – auf in ein neues Land

08. bis 19. November 24 – Von Çıldır in der Türkei nach Tbilisi in Georgien

 

Radreisetag 42: Von Çıldır nach Akhalkalaki
Meine Abreise nach Georgien beginnt mit einem retardierenden Moment. Die neue große glatte Straße ins andere Land wird soeben durch eine „Opening ceremony“ gefeiert und ist deshalb gesperrt. Nein, ich könne mich mit meinem Rad nicht dran vorbeischlängeln, erklärt mir der Polizist. 2h warten oder Umweg übern Berg.
Ich tue letzteres. Als ich mich gerade hochgearbeitet habe, sehe ich, wie unten der Verkehr wieder beginnt zu fließen. Na toll. (Ohnehin hätte auch die Umwegstraße durch den Ceremony-Point geführt.)
Jedenfalls genieße ich ab diesem Moment die neue große glatte Straße quasi ganz allein. Es fahren so wenige Autos, dass ich schon befürchte, der Grenzübergang wäre geschlossen.
Doch nein. Am „Grenzsee“, der hälftig zu beiden Ländern gehört, sehe ich die lange LKW-Schlange vor den Kontrollanlagen – ein buntes Ländergemisch: Iran, Ukraine, Russland, Georgien, Azerbaidshan, Armenien …. PKWs gibt es so gut wie keine. Radreisende sowieso nicht. Vielleicht winkt mir deswegen ein türkischer schwerbewaffneter Grenzposten verstohlen, aber doch enthusiastisch zu:)
Die Kontrolle geht schnell, ich soll mein Rad durchs Innere der Gebäude und die langen Tunnel schieben, so wie die Fußpassagiere. (Wer kommt denn hier bitte zu Fuß lang???) Auf der türkischen Seite muss ich zwei Packtaschen öffnen, auf der georgischen wird mir zunächst die Frage gestellt, ob ich schonmal in Georgien war. Ja, sage ich ganz begeistert: 1985 als Kind, und 1990 nochmal. – Upps, merke ich, als der junge Grenzbeamte irritiert schaut. Der hat zu sowjetischen Zeiten vermutlich noch nicht mal gelebt. Also, korrigiere ich mich, im Staat Georgien war ich noch nie. Als ich ihn dann frage, was „danke“ auf georgisch heißt, und was die Aufschrift über ihm bedeutet, entlockt ihm dies ein Lächeln. (Schon heute, am ersten Tag, bemerke ich, dass Lächeln hier nicht zu den gängigsten Kommunikationsformen zu gehören scheint. Die Menschen schauen mich in der Regel irritiert an, wenn ich sie anstrahle. Immerhin: Meist winken sie zurück. – Ich werde weiter dranbleiben.)
Der Rest der Passkontrolle ist schnell erledigt, und wenn ich inmitten des Gebäude- und LKW-Durcheinanders nicht weiß, wohin als nächstes, frage ich mich durch. – Ja: auf Russisch. Ich kann endlich wieder fließend sprechen, fragen, sagen was ich will. Wie erleichternd das ist, merke ich schon in den ersten Minuten.
Und dann bin ich im neuen Land, meinem 25. auf Radreisen. Sofort fällt auf: Es gibt mehr Bäume, Wälder sogar. (Wann hatte ich das zuletzt? Nördlich von Istanbul. Dann noch am Phrygischen Weg, Mitte August. Und ein Ministück Wald neulich bei dem hohen Pass. Mehr nicht.) Aus der Ferne begleiten mich die Berge des Kleinen Kaukasus. Von wegen klein. Die Landschaft ist atemberaubend, welch eine schöne Welt.
Dazwischen liegen erste Dörfer. Kirchen statt Moscheen. Die Armut fällt auf. Häuser verfallen, Infrastruktur ist marode. Die Straßen sind schmaler und haben fahrradreifengroße tiefe Löcher – dort hineinzugeraten dürfte meine Reise mit einem Schlag beenden. Ich kann also nicht mehr einfach träumend vor mich hinfahren wie auf den guten breiten türkischen Straßen, zumal viele Autos ihr Alter durch Geschwindigkeit zu kaschieren versuchen. (Ab morgen werde ich hinten links am Rad meine Warnweste am Stock heraushängen lassen.) Hunde gibt es genauso unzählige und bellende wie in der Türkei, zum Glück verstehen auch sie mein lautes Rufen und bleiben spätestens dann fern.
Am Abend, kurz nach Sonnenuntergang, erreiche ich die erste kleine Stadt. Die Stadteinfahrt ist abenteuerlich, denn als das Navi nur 534 Meter bis zum Hotel anzeigt, stehe ich noch im dunklen dörflichen Nichts. Hä??? Die Lösung heißt: drei dunkle Gassen, eine schmale Fußgängerbrücke, zwei weitere dunkle Gassen, und zack befinde ich mich an einem grell erleuchteten Platz.
Mit grummeliger Freundlichkeit werde ich empfangen, bekomme ein Zimmer mit leicht postsowjetischem Charme und gehe sofort wieder hinaus, um einen Blick in die Stadt zu werfen. Es wirkt … vertraut, irgendwie. Ich weiß gar nicht, woran es genau liegt: Das Straßenleben ist dem unsrigen in Zentraleuropa wieder ähnlicher: wie die Läden angeordnet und die Menschen unterwegs sind … ich kann es nicht genau fassen. Ich laufe so umher und genieße es.
Geldabheben funktioniert, mein erster Supermarktbesuch macht mich fast euphorisch – all die bekannten Dinge von früher: Mischka-Konfekt, Plombir-Eis, gezuckerte Milch:) Und es gibt wieder Bier (sogar in 2-Liter-Flaschen, die ich schon vom Balkan kenne). In einem kleinen Restaurant unterhalte ich mich mit der Chefin, überall verstehe ich viel, kann die Gegebenheiten und Situationen viel besser einordnen als in der Türkei. Hach.
Ja, heute habe ich schon mehr gesprochen und erfahren als in den ganzen letzten Wochen zusammen. Von der Frau, die gern nach Deutschland will, warum der Park so unbenutzt daliegt, warum die Männer am Abend alle draußen in den Autos sitzen (in der Tat: in sooo vielen dunklen Autos sitzen Männer), dass man über Georgien und Armenien hinweg verwandt und befreundet ist (und hier ohnehin viele Armenier leben), aber mit der Türkei nicht viel anfangen kann (um es vorsichtig auszudrücken) …
So also war mein erster Tag im neuen Land. Es liegt viel Neues und Unbekanntes vor mir. Symptomatisch irgendwie: dass ich mit dem hiesigen Schlüsselprinzip nicht zurecht komme – Hebel hoch und dann erst drehen, aber nicht immer – hä? Mehrmals muss mir der Hotelwirt helfen. Er grummelt schon leicht genervt:)
Ich freue mich auf weitere Tage. Sicherlich klappt das mit dem Aufschließen immer besser.

Radreisetag 43: Von Akhalkalaki nach Ninozminda
Der grummelig-freundliche Hotelwirt hatte zwar am Abend gesagt, dass hier kein Frühstück angeboten wird, als ich aber in die Küche komme, um mein Kaffeewasser zu kochen, sitzen dort verschiedenste Leute (Verwandte? Freunde? Mitarbeiter?), es steht ein Durcheinander an Schalen und Töpfen herum, er weist mir einen Platz zu, schiebt mir einen Teller rüber, und dann soll ich von allem essen. Selbstgemachter Käse, Marmeladen, Obst, Gemüse, Kräuter … Und ob ich „50 Gramm“ wolle. Immerhin nicht Sto Gramm. Ich lehne trotzdem ab;-)
Die Hauptstraße des kleinen Städtchens ist belebt. Zwar schaue ich auch die zerfallene Festung und die armenische Kirche an, aber viel wichtiger sind die Menschen. Die auf der Straße Karten spielenden Männer. Der SIM-Karten-Verkäufer. Die einkaufenden Familien. Die Leute, die mich einfach so ansprechen, mir zuwinken, mir Daumen-hoch-Gesten machen.
Ich erfahre, dass in dieser Region größtenteils Armenier leben, schon immer, und dass alles friedlich abläuft, weil sie sich ja eh nicht groß voneinander unterscheiden (sagen die Leute selbst). Dass der Ort eine armenische und eine georgische Kirche hat. Drei armenische, eine georgische und eine russische Schule – die Eltern entscheiden, in welche ihr Kind geht und in welcher Sprache ihr Kind unterrichtet wird. Dass die erste Fremdsprache derzeit Englisch sei (weswegen die jungen Leute unter 20 kein Russisch mehr können, alle älteren aber schon), aber dass es jetzt ja wieder Russisch werde. (Wie sie das Wahlergebnis finden, frage ich nicht. Was würde mir diese Information auch nützen.) Wahlplakate sehe ich eigentlich nur blaue, und entgegen der Farbe ist dies die russlandausgerichtete Partei.
Ein Mann lädt mich zum Übernachten zu sich nach Hause ein (ich will ja aber mindestens ein kleines Stück weiterfahren), ich werde nach meiner Route und nach technischen Details meines Rades gefragt. Und nach seinem Preis. (Ich sage ungefähr die Wahrheit. Schock bei den Männern. Nächstes Mal gebe ich den Preis wohl eher in Monatsmieten oder in Brotpreisen an, das ist eigentlich ja aussagekräftiger und erschlägt sie vielleicht weniger.)
Als es schon Nachmittag ist, breche ich doch noch auf, mehr Strecke als ins nächste Städtchen (20 km) nehme ich mir schon gar nicht mehr vor. Gut so – denn die Straße ist nicht nur optisch und verkehrsmäßig ätzend, sondern geht permanent mit ca. 1-2% bergauf, und ich habe heftigen Gegenwind. Mit 8,8 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit unterbiete ich heute sogar viele Hochgebirgstage. Mittendrin bin ich vom quälend langsamen Fahren so erschöpft, dass ich an einer Bushaltestelle in der Sonne Picknick mache. Prompt scheine ich einen so idyllischen Anblick zu bieten, dass ich mindestens dreimal aus anhaltenden Autos heraus fotografiert werde: Frau mit Rad an Hütte vor Berg, oder so. Einmal sprechen mich die Leute wenigstens an, junge Österreicher auf Landeserkundung.
Das Abendstädtchen ist klein, hat eine winzige belebte Hauptstraße, ein kuscheliges warmes Hotel, Lebensmittelläden und ein Café, in dem ich Piroshki bekomme. (Verblüffend, wie diese nach 35 Jahren und tausende Kilometer entfernt immer noch identisch schmecken wie damals in Moskau. Was ist das für ein jahrhunderte- und kontinenteübergreifendes Rezept?)
Wieder übrigens spreche ich viel auf der Straße. Voll toll. Man hält mich zuweilen sogar für eine Russin oder Baltin, so von der Sprache her. Cool, ich kanns also noch:) Ein alter Mann fragt dann, als ich sage, dass ich aus Deutschland komme, aus welchem. Ost, sage ich. Ah, antwortet er, „nascha Germanija“. Wir lachen beide. Und dann bedankt er sich, dass ich bei ihm eingekauft habe. Unter anderem Mischka-Konfekt. Ein bisschen Ostalgie darf sein.

Radreisetag 44: Von Ninozminda nach Zalka
Wieder sind es klirrende Frostgrade am Morgen, ich bleibe bis zehn Uhr im kuschligen Zimmer. Heute muss ich hoch auf über 2000 Meter, da tut ein bisschen Vorratswärme gut.
Tatsächlich, die angezeigten plus drei Grad fühlen sich im eisigen Wind an wie minus dreizehn. Ich arbeite mich voran, aber stehenbleiben will ich lieber nicht. Nach einigen Kilometern taucht der erste (von drei) Bergseen vor mir auf. Diese blaue Farbe vor weißen Gipfeln im Sonnenschein … Postkartenmotive! Ja, den ganzen Tag fahre ich in idyllischer Landschaft. Über Mittag, als es schon ein wenig wärmer ist, passiere ich den größten See Georgiens, auf 2070 Meter Höhe. Beeindruckend, was für ein Panorama.
Kurz darauf steht der letzte hohe Pass für längere Zeit an: 2170 Meter. Aber: Wie hässlich! Nicht nur, dass kein Schild da ist. Oben ist Baustelle, Erdhaufen und Schrottgerümpel … menno. Schnell weiterfahren. Der Weg abwärts ist nicht idyllischer. Eine Bahnstrecke mit ihren E-Masten, kahler Hang, Blick in eine dunstige Ebene. Dafür Kälte an Händen und Füßen (da ich nicht 600 Höhenmeter im Schritttempo verbringen will).
Unten, im „Tal“ – auf 1500 Metern – ein für mich bewegender Moment: Laubbäume! Das hatte ich ja schon ewig nicht mehr. Zwar kein Laub mehr dran, aber die Formen! Wie gut der vertraute Anblick tut!
Die Dörfer wirken weiterhin ärmlich. Viele Menschen scheinen von der Rinderzucht zu leben (oder ich komme gerade zur Weidenheimkehrzeit vorbei, jedenfalls treffe ich auf der Straße mehr Kühe als Autos), an den Straßenrändern gibt es zuweilen Gemüseverkauf.
Wie schön diese Spätnachmittagsstimmung ist, es sind viele Menschen auf der Straße, man winkt mir von rechts und links zu und macht Ermutigungszeichen – viel mehr als an den vorigen beiden Tagen. Richtiggehende Herzlichkeit, auch beim Autohupen. Ja, ich werde viel gegrüßt (auch wenn ich davon immer erschrecke). Ohnehin ist es von der Landschaft her eine wunderbare Fahrstrecke.
Am Abend in Zalka habe ich mich in einem Landhaus eingemietet, eine warmherzige Vermieterin öffnet mir. Eigentlich ein wirklich schönes Zimmerchen. Aber. Die Heizkörper sind Attrappe oder wollen erst noch welche werden. Dafür bekomme ich einen Heizlüfter ins Zimmer gestellt. Der arbeitet das Zimmer mühsam von 6 auf 11 Grad hoch. Dann weigert er sich weiterzumachen. Na gute Nacht. (Ich will eh gerade schlafen gehen und krieche in meinen dicken Schlafsack. Aber da ich beim Spazierengehen im kleinen Ort kein offenes Restaurant und keinen Imbiss gefunden hatte, habe ich nichts Warmes im Bauch, das macht es vom inneren Gefühl her nicht wärmer.)
Spoiler: Ich werde dennoch wunderbar schlafen.

Radreisetag 45: Von Zalka nach Manglisi
Am Morgen sind in meinem Zimmer noch 6 Grad, der Schlafsack aber hat wie immer dicht gehalten, mir geht es also wunderbar. Diese gute Stimmung steigert sich noch, als plötzlich der Heizlüfter wieder beginnt zu werkeln. Vermutlich hat er Mitleid mit mir, oder er war am Vorabend tatsächlich wegen 11 Grad Raumtemperatur überhitzt gewesen 🙂
Als ich gerade abfahren will, kommt die Vermieterin noch einmal vorbei. Erzählt mir, dass sie Ukrainerin ist und seit 2022 hier lebt. Zum Glück hatten sie dieses Haus schon zu Sowjetzeiten gehabt, als Ferienhaus damals, jetzt ist es ihr Fluchtort. Vom georgischen Staat aber bekämen sie bis auf die Aufenthaltserlaubnis keinerlei Unterstützung. Ihre ukrainische Rente kann sie hierher transferieren, immerhin, das sind 180 Dollar. Lebensmittel im Laden kosten etwa so viel wie bei uns, Strom und Gas und so vermutlich auch. Uff.
Ihre drei Kinder leben in verschiedenen Städten und Staaten und versuchen dort ihr Bestes, um irgendwie über die Runden zu kommen. Und sie probiert halt über die Ferienvermietung eines Teils des Hauses zu überleben. Nochmal uff. Ich weiß dann immer gar nicht, was ich darauf sagen soll. Dass ich hier eine wunderbare, bereichernde Reise durchlebe? Dass ich in meinem Leben sorglos sein kann, materiell jedenfalls? Dass ich mich freue, weil sie mir ihre Geschichte erzählt? – Als sie am Ende sagt, dass doch die sowjetischen die goldenen Zeiten gewesen seien, weil man da wenigstens genug zu essen gehabt habe, fällt mir nichts ein zu erwidern. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Immer wieder bewahrheitet sich dies.
Mein Weg heute führt zuerst durch die kleine Stadt, die jetzt viel belebter als gestern Abend ist. Jetzt gäbe es sicher auch etwas zu essen. Was ich aber brauche – Geld aus dem Automaten – gibt es nicht, der Bankomat will einfach nicht mit meinen Karten kooperieren. Also fahre ich los, ich hab ja zur Not noch Euro-Scheine. Es geht 200 Meter bergauf und dann viele Kilometer auf einer wieder einsameren Höhe entlang. Ich bin enttäuscht: Die Wettervorhersage hatte zweistellige Temperaturen versprochen, und diese kommen nicht. Es ist schon wieder a…kalt. So fahre ich ein wenig frierend durch die baum- und blickgesäumte Strecke und träume vor mich hin. Kurz vor meinem geplanten Zielort muss ich 700 Höhenmeter abwärts. Das ist bei den Temperaturen wirklich keine Freude, zumal auch die Bremsen sich stinkend beschweren. Aber dafür sehe ich heute Herbstfarben im Laub – erstmals rote und gelbe und goldene Blätter in diesem Jahr. Ich ahnte gar nicht, wie sehr ich die vermisst hatte!
Nach einem nicht zu gebrauchenden Supermarkt – Kekse, Schokolade, eine illustre Auswahl an Konserven, Teebeutel und unzählige Varianten an Sahnepackungen – muss ich als Abendsport wieder 200 Meter hoch zum Übernachtungsort. Wenigstens ist mir danach warm.
Der kleine „Kurort“ Zalka hat inmitten von dunklen verlassenen und verfallenen Häusern ein gemütliches Guesthouse mit einer anfangs knurrigen Wirtin, die aber mehr und mehr auftaut, je länger ich mit ihr spreche. Mein Zimmer hat sie schon vorgeheizt. Wow – heute weiß ich das echt zu schätzen! Wie so viele Frauen hier am Wegesrand fragt sie, ob ich etwa allein unterwegs bin. Wie toll sie das findet. Später (nachdem ich im Ort einzukaufen versuchte und nichts bekam – was sie vermutlich vorher schon wusste, nicht mal Joghurt oder Käse gibt es in den kleinen Dorfgeschäften) tischt sie mir lauter Essen in der Guesthouse-Küche auf, von ihrem eigenen wohl: eine Krautpfanne, mit Bohnen gefüllte Teigtaschen, einen Nachtisch aus Sahne und Kokos, und natürlich Tee. – Die Herzlichkeit ist hier nur anders verpackt als in der Türkei, versteckt zuweilen sogar, aber sie ist genauso vorhanden. Ich fühle mich einmal mehr reich beschenkt.
In meinem warmen Zimmer sitze ich abends lange und suche mir eine passende Unterkunft in Tbilisi. Morgen werde ich dort ankommen und etwas länger bleiben.

Radreisetag 46: Von Manglisi nach Tbilisi
Erstmals seit meiner Reiserückkehr hat es am Morgen keine Minusgrade, erstmals sitze ich mit meinem Kaffee in der Sonne. Ich tanke eine Million Kraftquanten auf und merke, wie ich das Über-Nacht-draußen-sein vermisse. (Vielleicht sollte ich tatsächlich anfangen, auch bei diesen Temperaturen zu zelten. Es würde die Reise vom Gefühl her nochmal schöner und eindrücklicher machen. Vielleicht ist meine Sorge vor den kalten Abend- und Nachttemperaturen ja übertrieben?)
Kaum kann ich mich von dem heimeligen Guesthouse mit seinem Garten verabschieden. Die Wirtin schenkt mir zum Abschied eine Tüte Quitten vom Baum. Auch wenn ich bisher dachte, die könne man nicht roh essen (was sie aber sagt), nehme ich sie natürlich mit (und werde sie heute etliche Höhenmeter nach oben sporteln).
Auf einer kurzen Runde durchs Dorf treffe ich eine andere Guesthouse-Vermieterin und eine junge Frau, die mich – neugierig – anspricht. Einfach so, was ich mache, woher, wohin, was ich erlebe, und dass sie auch Radfahrerin ist. – Es sind diese kurzen Begegnungen, die der Reise die Würze geben.
Während ich zur Hauptstraße zurückrolle, fotografiere ich viel. Alte, verfallene (und eigentlich sehr schöne) Häuser ohne Ende. Wie auch immer die Geschichte dieses Ortes in ferner und jüngerer Vergangenheit gewesen sein mag: Etwas trauriges haftet ihr an.
Mein Weg heute ist bergig, so bergig wie selten. Für die 50 Kilometer brauche ich fast den ganzen Tag. In Vorfreude auf Tbilisi schaue ich vielleicht etwas zu wenig in die Landschaft, in Gedanken bin ich schon in der großen Stadt. Dabei liegen rechts und links des Wegs wunderbare Blicke, ich fahre nämlich sozusagen auf einem Gebirgsgrat entlang.
Am späten Nachmittag bin ich am Ortseingangsschild der Stadt und immer noch tausend Höhenmeter vom Zentrum entfernt. Ein französischer Radler überholt mich, ohne Gepäck, er ist auf einem Tagesausflug und hat unten in der Stadt ein Appartement. Ich auch, ab heute für ein paar Tage, ich muss nur noch hinunterrollen. Mit jedem Höhenmeter wird es dunkler. Und kälter an den Händen. Großstadtfeeling nimmt zu, die Vororte werden wohlhabender, die Menschenmengen dichter, der Verkehr auch. Nach unendlichem Bergabfahren bin ich im dichten Verkehrsgewühl auf einer großen Hauptstraße angekommen. Nur noch acht Kilometer Innenstadtfahrt. Es gibt einen Radweg, doch der wird von allen anderen ebenfalls benutzt (und hat zudem oft eine Metallkante rechts und links, was ihn mir ziemlich gefährlich erscheinen lässt). Ich bremse lieber permanent auf Langsam-bis-Schrittgeschwindigkeit ab. Zumal ich mit Schauen beschäftigt bin: Die Metropole fasziniert. Ganz sicher sah es 1985 und 1990 hier noch nicht annähernd so großstädtisch aus, ich staune.
Gegen sieben bin ich in meiner Wohnung, die fast zu groß für mich ist, der Vermieter empfängt mich und zeigt mir alles, ich fühle mich spontan wohl. Habe ich mir doch eine nostalgisch „sowjetisch“ eingerichtete Wohnung ausgesucht, einfach so fürs Gefühl:)
Der Abend vergeht mit ersten tastenden Schritten in der neuen Stadt, die mich ein wenig überfordert. Ich wohne in einem jungen Kneipen- und Barviertel, durch dessen kulinarisches Angebot ich es bis zu meiner Abreise kaum hindurchgeschafft haben werde. Für den ersten Abend suche ich mir eine Bar mit georgischer Küche. Khinkali und Bier. Die Khinkali esse ich ganz falsch, mit Messer und Gabel nämlich. Das sei ein absolutes No go, erfahre ich am nächsten Tag auf einer Freewalkingtour. Mit den Fingern müsse man sie essen. (OmG, ich muss üben. Und zuvor erstmal in einem Gasthaus zuschauen, wie die anderen das machen:))

Ein paar Tage in Tbilisi
Tbilisi fasziniert und überfordert mich. Ein wilder Stilmix an Bauwerken, Lebensformen und Stimmungen. Ein lautes, buntes, kreatives, rätselhaftes Durcheinander von allem. Neueste Wolkenkratzer und Sowjetbauten und historische Architekturschätze und zu Staub zerbröselnde Ruinen, ein einziges Potpourri. Skulpturen und Kunstwerke an jeder Ecke. Kirchen, Synagoge und Moschee, Bauwerke aus anderthalb Jahrtausenden, und Brücken über den Fluss.
Autos – viele! – rasen, die Metro auch, es ist laut. Das Bussystem ist perfekt, das Radwegenetz ausbaufähig. (Aber es gibt eines.) Die Menschen sind genauso vielfältig wie die Bauwerke. Manche äußerlich kaum zu unterscheiden von denen in einer westeuropäischen Großstadt, die jüngeren Generationen vor allem. Und dann wieder stehen ältere Frauen in Filzmantel und Kopftuch an den Metroausgängen und verkaufen irgendwas. Also: vermutlich alles, was sie haben oder was verkaufsgeeignet ist. Bücher werden auf den Straßen auch angeboten, ich möchte permanent alles mögliche mitnehmen. (Schlecht, wenn man mit dem Rad reist:))
Ich kann die Stadt nicht fassen, wie auch, in diesen wenigen Tagen. In einer Großstadt herrscht Anonymität – für mich ist das gleichzeitig gut (eine Pause vom dauernden Angestarrtwerden als Radreise-Alien) und schlecht (kein Kontakt, keine Antworten auf meine vielen Fragen). Hier Nähe zu finden, dürfte harte Arbeit sein. Es wird noch weniger gelächelt als eh schon im Land. Selbst meine Freewalking-Guides bleiben seltsam distanziert. Und: Scheinbar hat die Hauptstadt mit dem restlichen Land nicht allzuviel zu tun. Das ist ja öfter so.
Ich mische mich in die touristischen Ströme, viele russische, asiatische, außereuropäische sind es – die westeuropäischen dominieren mal nicht – und laufe einfach so durch die Stadt, tagelang. Zwei Freewalkingtouren, zwei Besuche bei einem Radladen (was für ein wunderbarer Ort, fachlich wie menschlich!), zwei Treffen mit Bekannten … und ansonsten lasse ich mich treiben. Wobei mich das von anderen Reisenden unterscheidet: Ich habe mehr Zeit, komme ja noch mindestens zweimal her, verzichte deswegen auf irgendwelche touristischen Highlights und Ausflüge, schüttele bei allen Angeboten (auf der Straße werde ich oft mit Werbung angesprochen) lächelnd den Kopf, und spaziere eher so durch Straßen, in denen einfach „nichts“ ist. Nichts, außer das Leben halt. Ein paar Mal gehe ich in kleine Restaurants, man hat die Wahl zwischen altrussischen Stolowajas, vom Feeling her, oder neuen Bars mit kopfschmerzmachender hämmernder Musik. Bis zum Schluss schaffe ich es nicht, Khinkali mit den Fingern zu essen, ohne anschließend komplett eingesaut zu sein. Vielleicht ist das einfach nicht meine Speise:)
Als Rückzugsort dient mir mein ostalgisch eingerichtetes Appartement, in einem alten zerfallenden Haus, mit schiefem Fußboden, knarzenden Möbeln und einem traditionellen Holz-Balkon zum Hinterhof, auf dem schwarze Luxusautos parken. Auch in der Wohnung hat sich unter die altsowjetische Einrichtung die Modernität von Waschmaschine, Mikrowelle und Sandwichmaker gemischt.
Es geht mir gut hier, es gibt noch viel zu entdecken, und die Grundstimmung der Stadt passt für mich: Ich werde wiederkommen.
Und jetzt fahre ich erstmal wieder aufs Land. Also: in ein anderes Land. Bevor es in die Weihnachtspause geht, will ich nämlich eine Runde durch Armenien drehen.

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